Die Leser unseres englischen Blogs kennen sicherlich schon unsere monatlichen Interviews mit einer interessanten Persönlichkeit aus den Bereichen Internetsuche oder Immobilien (oder was uns hier bei Nestoria sonst so interessiert). In eineinhalb Jahren haben wir dort schon allerhand interessantes erfahren, zuletzt zum Beispiel von
Salim Mitha, dem Gründer von
Wahanda, und
Dr. Alex Singleton, wissenschaftlichem Mitarbeiter am
Centre for Advanced Spatial Analysis am University College London.
Die Tradition der Interviews wollen wir auch gern hier im deutschen Blog einführen und fangen deshalb heute damit an! Es freut uns besonders, dass
Jochen Topf, Co-Autor des
Buches über OpenStreetMap, sich bereit erkärt hat, der erste zu sein.
Als Co-Autor des ersten Buches über OpenStreetMap kann wahrscheinlich niemand besser als Sie kurz zusammenfassen was OpenStreetMap ist und wie es dazu kam…
Das OpenStreetMap-Projekt wurde 2004 von Steve Coast in England gegründet, weil er Schwierigkeiten hatte, an Geodaten und Kartenmaterial zu kommen, die wirklich frei sind. Karten unterliegen typischerweise recht restriktiven Lizenzbedingungen und sind vielfach sehr teuer. Und selbst da, wo Karten kostenlos sind, z.B. bei Google Maps, heißt das nicht, das sie nicht mit einer Reihe von Einschränkungen kommen. Eine Weiterverteilung solcher kostenloser Karten ist meist nicht erlaubt und spätestens dann, wenn einem das Kartenbild nicht gefällt, kommt man mit diesen Karten nicht weiter. Es sind ja nur vorgefertigte Online-Karten. Will man die Karten auf anderen Geräten verwenden oder an eigene Bedürfnisse anpassen oder zum Beispiel auch Analysen durchführen, so braucht man die darunterliegenden Geodaten, also quasi die Rohdaten, aus denen die Karten erstellt wurden. Aber die muss man dann sehr teuer bezahlen.
OpenStreetMap hat es sich zum Ziel gesetzt, eine freie Weltkarte zusammenzustellen. Frei heißt dabei, dass die Geodaten und Karten, die vom Projekt zur Verfügung gestellt werden, von jedem kostenlos und ohne Einschränkung genutzt werden können. Das Projekt baut auf der Arbeit zehntausender Freiwilliger auf, die mit GPS-Geräten unterwegs sind, um die Karte der Welt von Grund auf neu zu erschaffen. Jeder kann mitmachen, kann seine Heimatstadt oder seinen Urlaubsort auf die Karte bringen. Aus der Arbeit all dieser freiwilliger entsteht dann eine detaillierte Karte der Welt.
OpenStreetMap wird oft als Wikipedia der Landkarten beschrieben. Mit welchen Problemen hat es als solches Projekt, bei dem riesige Datenmengen von unzähligen Nutzern unterschiedlichen Hintergrunds zusammengetragen werden, zu kämpfen?
Bei einem so großen und globalen Projekt ist da natürlich die Frage der Koordination. Wer macht was? Wie tritt man sich nicht auf die Füße? Wie genau muss ich eine Straße eintragen? Wie eine Ski-Piste? OpenStreetMap hat hier von Anfang an auf einen sehr offenen Ansatz gesetzt. Eingeschränkt wird erstmal nichts, jeder kann überall mitmachen, eigene Daten ergänzen und Daten anderer korrigieren oder auch löschen. Genauso wie in der Wikipedia werden Strukturen nicht von vorneherein vorgegeben, sie ergeben sich nach und nach aus den Diskussionen im Wiki und auf den Mailinglisten und vorallem natürlich dadurch, welche Daten die aktiven Mapper beitragen und in welcher Form. Das geht natürlich nicht ganz ohne Konflikte ab, wie überall, wo viele Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund und Meinungen zusammenkommen.
Gegenüber der Wikipedia besteht die Hauptschwierigkeit darin, dass wir ja nicht nur einfach Texte sammeln, die von Menschen gelesen werden. Stattdessen sammelt OSM die rohen Geodaten, die dann erst von einem Programm interpretiert und in Karten umgesetzt werden müssen. Dieser zusätzliche Schritt macht die ganze Sache etwas unanschaulicher und führt zu erhöhtem Koordinierungsaufwand, da die Form, wie Daten erfasst werden, mit der Form, wie sie in Karten oder anderen Anwendungen genutzt werden, zusammenpassen muss.
OpenStreetMap ist noch nicht so “erwachsen” wie die Wikipedia. Gerade die Frage, wie mit Vandalismus und mit Konflikten umzugehen ist, ist noch ungelöst. Hier hat die Wikipedia über die Jahre Mechanismen entwickelt und früher oder später wird auch OpenStreetMap mit diesen Fragen konfrontiert werden.
Welche Position nimmt OpenStreetMap auf dem Markt der Onlinekartendienste (Google, Yahoo!, Microsoft, etc.) ein?
Derzeit nimmt OpenStreetMap hier sicher noch eine Nischenstellung ein. Bisher ist die Karte ja nur in einigen Gegenden vollständig (da aber oft schon deutlich besser als das, was andere zu bieten haben). Der Fortschritt insbesondere der letzten Monate ist aber enorm. Wenn es so weitergeht, wird OpenStreetMap sicher schon bald für viele Bereiche zu einer ernsthaften Konkurrenz für andere Kartendienste heranwachsen. Inzwischen gibt es auch mehrere Firmen, die kommerziellen Support rund um OpenStreetMap anbieten oder, wie Nestoria ja auch, anfangen, die OSM-Karten in Ihre Dienste und Produkte zu integrieren.
Online-Kartografie und
Neogeografie sind im Laufe der letzten Jahre zu einem großen Thema geworden. Was denken Sie, erwartet uns in diesem Bereich in nächster Zeit?
Es wird auch für den “Mann auf der Straße” immer einfacher selbst Geodaten beizutragen. Sei es, dass er geokodierte Urlaubsphotos hochlädt, sei es dass er selbst eine Karte im Internet zur Verfügung stellt, auf der jeder die Sichtungen seltener Vögel eintragen kann. Wir haben da aber bisher nur den ersten Schritt getan, nämlich Punkte, Linien, Flächen auf bestehende Karten einzutragen. Ein noch viel größerer Wert wird daraus entstehen, wenn wir alle diese Informationen miteinander verbinden und automatisch weiterverarbeiten. Habe ich das Lärmkataster nicht nur als Karte, sondern als Rohdaten und die Liste aller Schulen und Kindergärten, dann kann ich daraus berechnen, in welchen Gebieten ich mit meiner neuen Familie vielleicht nach einer Wohnung suchen soll.
OpenStreetMap stellt dabei die Basisdaten, wie das Straßenetz, zur Verfügung, die eigentlich jeder braucht. In Zukunft wird es vorallem auch darum gehen, weitere Datenquellen zu erschließen und die Daten aus all diesen verschiedenen Quellen in nutzbarer Form zusammenzubringen.
Und, zu guter Letzt, welche Herausforderungen sehen Sie für vertikale Suchmaschinen wie Nestoria?
Nicht gerade mein Fachgebiet. Aber es ist offensichtlich, dass jede vertikale Suchmaschine gegen Google und andere Suchmaschinen bestehen muss, die über die klassische Webseiten-Suche hinaus mehr und mehr Spezialsuchen anbieten. Um sich dagegen abzusetzen, muss man schon einiges bieten. Wenn ich Ihre Frage etwas näher auf mein Fachgebiet, also Karten und Geodaten beziehe, dann wird es auf absehbare Zeit eine Herausforderung bleiben, eigenen Geodaten und Daten aus verschiedenen Quellen auf sinnvolle Art und Weise zu integrieren.
Herr Topf, vielen Dank für Ihre Zeit und vor allem die interessanten Antworten! Falls dieses Interview bei dem ein oder anderen unserer Leser Interesse an OpenStreetMap geweckt haben, dann empfehlen wir auch einen Blick auf
diesen Artikel bei Heise.de, der vielleicht einen weiteren Anreiz gibt, bei OpenStreetMap mitzumachen. Für alle, die sowieso schon dabei sind, hier noch ein Hinweis: Bei der OpenStreetMap
State of the Map Konferenz 2008
wird unser Ed als Speaker dabei sein!
Herr Topf hat vollkommen Recht wenn er sagt, dass das sinnvolle Verknüpfen von Geoinformationen aus verschiedenen Quellen für uns eine sehr wichtige Aufgaben ist. Zum Beispiel arbeiten wir momentan intensiv daran, die Suchergebniskarten für Deutschland mit nützlichen Zusatzinformationen anzureichern, wie wir es in UK und Spanien schon tun. Eine OpenStreetMap Version von Nestoria gibt es übrigens in der Tat, einfach statt www in der URL openstreetmap verwenden. Für Großbritannien heißt die URL also
http://openstreetmap.nestoria.co.uk und für Deutschland in Bälde
http://openstreetmap.nestoria.de. Mehr dazu gibt es
im englischen Blog.