Unser Interview für Juni haben wir mit
Christian Heilmann geführt. Er ist International Developer Evangelist bei Yahoo und hat u.a. an Yahoo Maps Europe und Yahoo Answers gearbeitet. Heute reist er durch die Welt und hält Vorträge zum Thema Webentwicklung und Mashups. Ausserdem ist er Autor von mehreren
Büchern über JavaScript und Ajax.
1. Du bist International Developer Evangelist bei Yahoo. Erklär uns doch bitte kurz was das ist und was genau du machst.
Mein Job ist es mit Entwicklern zu kommunizieren. Das ist schwieriger als man denkt da die normalen Kommunikationskanäle in und von Firmen nicht funktionieren. Marketing und PR sprechen nicht die gleiche Sprache wie Entwickler und der Erfolg einer Firma die Entwicklerprodukte erstellt hängt davon ab, wie einfach es ist diese anzuwenden. Meine Aufgabe ist es Dokumentation und Präsentationen zu erstellen um die ersten Schritte von Entwicklern einfacher zu gestalten. Im Umkehrschluss bin ich auch das Sprachrohr für Entwickler und erkläre deren Ideen und Probleme den Yahoo Entwicklern und Management. Intern bin ich auch einer der Ausbilder für neu eingestellte Entwickler.
2. Die letzten fünf Jahre waren eine sehr innovative Zeit für das Internet, vor allem was “Frontend-Engineering” betrifft. Fass die Neuigkeiten für unsere Leser bitte kurz zusammen. Was sind die Auswirkungen dieser neuen Technologien? Was sind die neusten Projekte die du derzeit spannend findest?
Das beste was in den letzten Jahren passiert ist, ist das unsere Entwicklungsumgebungen viel professioneller wurden. Neuere Browser haben weniger konfuse Fehler und mit Erweiterungen wie Firebug, YSLow, DragonFly und ähnlichem können wir endlich ohne Schwierigkeiten herausfinden was denn die Ursache von Fehlern ist. Bibliotheken wie YUI, JQuery, Dojo und Prototype machen es Entwicklern einfacher funktionierende Seiten und Applikationen zu erstellen ohne sich gross Gedanken über Browserunterschiede machen zu müssen und CSS Lösungen wie YUI Grids, 960 oder Blueprint machen es viel einfacher, Layouts zu erstellen.
Generell ist das was mir derzeit am meisten Spass macht zu beobachten wie sich das Web von einzelnen Seiten zu einer weltweiten Datenbank entwickelt. Anstatt einfach nur Seiten zu erstellen erlauben mehr und mehr Firmen Entwicklern auch mittels APIs an diese Daten zu gelangen, um neue und andere Applikationen mit diesen Daten zu erstellen. Das Web war für begabte Entwickler schon immer eine Fundgrube von Daten und mittels APIs und Systemen wie Pipes, YQL, Google App Engine, Gnip, Amazons S3 und EC2 und so weiter ist es immer einfacher neue Zusammenstellungen von Daten zu erstellen.
Ich arbeite derzeit viel mit Universitäten, Museen, Zeitungen und Firmen um diese Idee Entwicklern in diesen Institutionen näher zu bringen und hatte schon einige Erfolge.
Wenn es um Technologien geht bin ich schwer von Canvas, HTML5 und Aria begeistert, da diese es uns ermöglichen, funktionierende, semantische und barrierefreie Applikationen zu erstellen ohne diese in HTML, CSS und JavaScript simulieren zu müssen. Als “old-school” JavaScript Entwickler bin ich auch sehr glücklich darüber das immer mehr APIs JSON als Ausgabeformat anbieten und serverseitiges JavaScript auch immer mehr eine sinnvolle Alternative darstellt.
Geolocation ist auch ein sehr heisses und interessantes Thema. Mit Systemen wie dem iPhone und Browsern die mittels Geocode, FireEagle, Plazes oder anderen Systemen mir sagen können wo ich bin habe ich einen Bezugspunkt zur realen Welt, den ich mittels Geodaten dann auch die richtigen Ergebnisse liefern kann. Wenn mir mein Handy sagen kann welche Cafes in der Umgebung offen sind und wie gut sie bewertet wurden, dann hab ich mehr Spass in einer neuen Stadt.
3. Welches Modell glaubst du wird gewinnen - von grossen Firmen wie Yahoo! gesteuerte Projekte wie YUI oder OpenSource Projekte wie JQuery? Warum?
Hmm, es ist immer wieder faszinierend zu sehen wie viele Entwickler meinen es gibt einen riesen Unterschied zwischen diesen Systemen. Das stimmt nicht. YUI ist open source und kann von jedem verwendet, gehostet und geändert werden. YUI3 ist sogar als branch auf
Github.
JQuery wird von mehreren Firmen unterstützt, genauso wie Dojo und ist nicht nur ein Untergrund/Geek Projekt. YUI hat einen Vorteil gegenüber anderen Bibliotheken: Yahoo braucht YUI und erstellt die eigenen Sachen damit. Daher kann man sicher gehen das die offiziellen Widgets auf allen Browsern die Yahoo unterstützt funktionieren. Wer für mehrere hundert Millionen Besucher entwickelt hat dann doch ein paar gute Gründe das auch gut zu testen und in mehreren Sprachen und Märkten zu verwenden.
Man kann nicht wirklich sagen, was denn besser ist, da jQuery und YUI verschiedene Philosophien verfolgen. YUI ist ein Framework das von Interface Patterns ueber CSS Lösungen, JavaScript Komponenten und Widgets bis hin zu Testwerkzeugen wie einem Logger, Profiler und Testframework reicht. jQuery will das Entwickler schnell und sicher etwas in so wenig Kode wie möglich erstellen können. Für mich ist YUI eine bessere Lösung wenn man in grösseren Teams und internationalen Produkten arbeitet, jQuery ist dahingegen unschlagbar darin, schnell, viel zu erstellen.
Ich finde es klasse das es viele erfolgreiche Bibliotheken gibt und das die verschiedenen Teams nicht miteinander im Wettbewerb stehen, sondern sich gegenseitig helfen und Fehlerinformationen und Lösungen untereinander austauschen.
4. 2005 erschien Google Maps und die ersten Anwendungen die auf den Karten basierten (Mashups) waren eigentlich unerlaubte da Google keine Schnittstelle hatte und den Zugriff auf die Karten gar nicht direkt erlaubte. 2006 kam dann die Mashup-Welle und jetzt gibt es schon fast 2000 solcher Anwendungen (z.B.
hier)
Gibt es etwas das dir in diesem Bereich noch fehlt? Womit könnte man sich in dieser Fülle von Angeboten noch abheben?
Man kann dann doch noch viel mehr mit Karten und Kartensystemen erstellen als wir schon haben. Der Streetview von Google zeigt das schon mal auf. Interessant wird es mit Überlagerungen. Beim Open Hack in London dieses Jahr hat eine der Gruppen eine Graffiti tagging engine für Streetview erstellt mit der man seine Unterschrift in die virtuelle Welt stellen kann. Das verbunden mit Twitter der GPS location auf Handys kann richtig witzig werden. Wenn man mal eine sehr kindische und dann doch witzige Sache sehen will kann ich
GPS cocks empfehlen.
Das Problem mit Karten ist, dass diese Copyright haben und daher jeder Kartenbetreiber an die Verlage zahlen muss, daher kann man nicht alles was man gerne freigeben würde auch rausgeben. Als ich an Yahoo Maps arbeitete wurde mir das zum ersten mal bewusst, als Geek und Hacker ist man dann doch immer gewohnt alles umsonst zu bekommen. Irgendeiner muss aber dafür bezahlen.
Was mich derzeit fasziniert ist Daten zu bekommen die ich vorher noch nicht hatte wie zum Beispiel mein
Verkehrskamera Mashup oder auch Systeme die es mir erlauben Geo Daten aus Texten zu holen, wie zum Beispiel mein
TweetLocations Mashup das Twitter updates analysiert um sie dann auf einer Karte anzuzeigen.
Ich denke das user generated content in Karten mehr und mehr interessant wird, da viele Kartendaten einfach falsch sind oder interessante Informationen die aus dem normalen Sprachgebrauch kommen wie Spitznamen von Städteteilen nicht in den offiziellen Datensätzen vorhanden sind.
In einem der Universitäts Hack Days haben Studenten aus Schottland zum Beispiel eine Lösung gelötet die es mir erlaubte, mittels einer Wii Remote Yahoo maps oder Google Earth zu navigieren, und das konnte was.
5. Als Deutscher der ins Ausland gegangen ist und nun für einen Internet-Giganten arbeitet: Gibt es genügend Innovation in der deutschen Internet-Szene? Oder muss man Deutschland verlassen um an wirklich interessanten Projekte zu arbeiten?
Gute Frage, ich bin seit zehn Jahren nicht mehr in Deutschland und Teil meiner Karriere ist wohl auch das ich zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort war und kein Problem damit hatte mal schnell umzuziehen. Was mich in Deutschland immer zurückgehalten hat war das man für alles eine Lizenz braucht oder erstmal offiziell ausgebildet werden muss. Ich wär wahrscheinlich in Deutschland arbeitslos da ich weder einen Uni Abschluss noch eine Berufsausbildung habe.
Es gibt ne Menge schlauer Entwickler in Deutschland die das Herz auf dem richtigen Fleck haben, ich merke das immer wieder wenn ich mit Webkrauts spreche oder auf Konferenzen wie die EfA oder die Flashforum Konferenz mich mit Leuten unterhalte. Das Problem scheint zu sein das Firmen weniger auf ihre Mitarbeiter und mehr auf die Medien hören. Die Sprachbarriere ist natürlich auch ein Problem. Neueste Informationen gibt es nun einmal erst auf Englisch, da muss man sich dran gewöhnen. Das ist keine amerikanische oder englische Arroganz, es ist einfach so das weltweit Entwickler englisch miteinander kommunizieren (und auch programmieren).
Man muss also nicht Deutschland verlassen um an interessanten Projekten zu arbeiten. Was man machen muss ist die Augen offen zu halten und sich einfach mal trauen etwas Neues zu entwickeln, ohne zu wissen wo das denn genau endet oder ob es ein Erfolg wird. Wenn man ein weltweites Produkt erstellt ist das sogar überaschend einfach, da amerikanische Entwickler sich mit mehrsprachigen Produkten um einiges schwerer tun als Europäer oder Asiaten.
Was mich richtig nervt ist das fast jedes tolle Web 2.0 Produkt aus Amerika dann auch als deutsche Kopie erstellt wird anstatt das man an dem schon etablierten Netzwerk teilnimmt. Ich hatte einige Angebote doch nach Deutschland zu kommen um “ein deutsches Twitter” oder “das deutsche Slideshare” zu erstellen. Da hätte ich mal gar keinen Spass dran, da kopieren dann doch wenig mit Innovation zu tun hat.
6. Warum gibt es 140 Fotos von einem Duzend Leute auf Flickr mit dem
Tag “
The Hair of Christian Heilmann“. Ist das ein Kult?
Weniger, das nennt sich verschrobener englischer Humor. Mein jetzt Ex-Kollege (hatte nichts damit zu tun das er die Firma verlassen hat) Mark “Norm” Norman Francis hat das einfach mal als Tag verwendet um seine Überraschung kund zu tun, dass es doch dann einfach sei mich in einer Gruppe zu finden. Dann hat das Wellen geschlagen und mehr und mehr Flickr Nutzer machten das Gleiche. Interessant werden dann die Zufälle wenn man sieht das die Abgeordnete der Bayernpartei aus meiner Heimatstadt
dann doch nicht weit davon entfernt ist.