Interview mit Victor Henning von Mendeley
Und schon ist der August da und es ist Zeit für unser Interview des Monats. Diesen Monat haben wir mit Victor Henning gesprochen, einem der Gründer von Mendeley. Mendeley ist ein Service, mit dem Akademiker Informationen zu Quellen und Publikationen teilen können und wird im Internet als "das Last.fm für akademische Recherche" bezeichnet.
Mendeley hat ja in den letzten Monaten einiges an Lob einheimsen können. Kannst du unseren Lesern kurz beschreiben wie die Idee zu dem Projekt entstand und wie euer Service funktioniert?
Gerne! Ende 2004 hatten mein Mitgründer Jan Reichelt und ich gerade angefangen zu promovieren – ich an der Bauhaus-Universität Weimar über die Rolle von Emotionen in der Entscheidungstheorie, Jan an der Uni Köln über strategisches Informationsmanagement. Das Doktorandenleben war so großartig wie erwartet, bis auf eine Ausnahme: Literaturrecherche und -verwaltung. Die bestehenden Tools waren derart altbacken, dass man fast dachte, man müsste sie mit Lochkarten füttern.
Wir machten uns also Gedanken, was eine moderne Literaturverwaltungssoftware können sollte, um unsere Forschungsarbeit einfacher zu machen. Die Software sollte unsere Artikel-Sammlung automatisch in eine strukturierte Datenbank verwandeln, indem sie automatisch die Autor, Titel, Jahr, Journal, Keywords etc. ausliest; sie sollte automatisch Bibliographien erstellen; man sollte Artikelsammlungen einfach mit Co-Autoren synchronisieren können; und wir wollten damit PDFs lesen, markern und kommentieren.
Dann ging uns irgendwann ein Licht auf: Wenn man die individuellen Artikel-Datenbanken jedes Nutzers anonym aggregiert, tun sich ganz neue Möglichkeiten auf! Man kann Statistiken über aktuelle Forschungstrends erstellen: Welche Artikel werden gerade gelesen, an welchen Themen arbeiten die Leute? Man kann Empfehlungen generieren: Leute mit den gleichen Forschungsinteressen wie Du lesen gerade diese fünf Artikel, die Du noch nicht kennst – und ein Doktorand in den USA arbeitet an einem ähnlichen Thema wie Du, vielleicht solltet Ihr zusammenarbeiten. Der gleiche Gedanke steckt ja hinter dem Musikdienst Last.fm: Der erfasst, welche Musik die Nutzer gerade hören, und daraus generiert Last.fm Trend-Statistiken und personalisierte Radio-Streams; ebenso kann man Leute mit ähnlichem Musikgeschmack entdecken.
Ein Freund von mir, Paul Foeckler, hatte an der Bauhaus-Universität gerade seine Informatik-Diplomarbeit über Empfehlungssysteme geschrieben und passte daher perfekt ins Konzept: Wir holten ihn als dritten Gründer mit an Bord und legten mit der Entwicklung eines Prototypen los, den wir outgesourced in Weissrussland entwickeln liessen. Mit diesem Prototypen sind wir Mitte 2007 zu Stefan Glänzer gegangen – ehemaliger Ricardo.de-Gründer, zu dem Zeitpunkt Chairman von Last.fm, und einer der erfolgreichsten Business Angels in Europa.
Zum Glück für uns stand gerade der Verkauf von Last.fm an CBS für $280 Millionen Dollar an, so dass Stefan auf der Suche nach einem neuen Projekt war – und so wurde er unser erster Investor, Mitgründer und Chairman. Anfang 2008 siedelten wir die Firma in London an, bauten unser eigenes Entwicklungsteam auf, und sind seit Ende 2008 mit der ersten Public Beta-Version unserer Software am Markt. Eine Übersicht über die Features gibt’s hier: Mendeley Bibliography Manager.
Die Entwicklung dieses Jahr ist vielversprechend: Unsere fünf größten Nutzergruppen sind (in dieser Reihenfolge) MIT, Stanford, University of Michigan, Harvard und Cambridge – wir erreichen also die Forscher an den Top-Unis. Zudem haben wir den Plugg 2009 “Start-Up of the Year“ Award gewonnen, wurden bei den TechCrunch Europe Awards 2009 als “Best Social Innovation Which Benefits Society“ ausgezeichnet und waren Finalisten bei The Next Web 2009.
Obwohl alle Gründer eurer Firma aus Deutschland kommen seid ihr in London ansässig. Christian Heilmann hat in unserem Interview letzten Monat davon gesprochen, dass in Deutschland die Sprachbarriere durchaus eine Rolle in der Entwicklung neuer IT-Produkte spielt, da die meisten neuen Informationen auf Englisch veröffentlicht werden. Warum habt ihr euch dafür entschieden eure Firma in Großbritannien zu Gründen? Ist die Situation im wissenschaftlichen Bereich ähnlich und hat das einen Einfluss auf die Entscheidung gehabt?
Die Sprachbarriere war tatsächlich ein Grund: Wissenschaft spielt sich vor allem auf Englisch ab, und unsere wichtigsten Märkte sind in den USA und UK, was bedeutete, dass wir auf Englisch entwickeln mussten. Das ist mit englischen Programmierern natürlich leichter.
Es gab aber noch mehr gute Gründe: Paul und Stefan waren damals bereits in London, einige der besten Unis weltweit sind direkt in der Nähe (Cambridge, Oxford, King's College, Imperial College, UCL, LSE etc.), London ist die Venture Capital-Hauptstadt Europas, die meisten großen Internetkonzerne haben ihre Europazentralen hier, und man wird auch auf dem amerikanischen Markt anders wahrgenommen. Unser neuer Research Director, Jason Hoyt, der in Stanford in Genetik promoviert und selber ein Forschungs-Start-Up im Silicon Valley gegründet hat, wäre zum Beispiel nicht zu uns gekommen, wenn wir in Deutschland sitzen würden.
Akademiker, vor allem im geisteswissenschaftlichen Bereich, sind ja im allgemeinen nicht grade dafür bekannt technologieaffin zu sein. Dabei ist das Internet ein perfekter Rahmen für internationale Zusammenarbeit und gegenseitige Bereicherung von Forschung. Kannst du da einen Wandel feststellen und welche Rolle spielt euer Service dabei?
Ich glaube nicht, dass sich der Prozentsatz der Early Adopter unter Wissenschaftlern stark von dem in der Gesamtbevölkerung unterscheidet - was ja eigentlich auch erstaunlich ist, da man eigentlich einen höheren Geek- und Nerd-Faktor erwarten würde. Aber dennoch gibt es in jeder Wissenschaftsdisziplin Early Adopter - ein gutes Drittel unserer Nutzer stammt aus dem sozial- und geisteswissenschaftlichen Bereich.
Die meisten Tech- und Internet-Initiativen kommen aber doch aus den Life Sciences, vor allem Computational Biology und Chemie. Es gibt Trends hin zu mehr Offenheit, z.B. arbeitet die "Open Notebook Science"-Bewegung daran, alle von ihren Labormaschinen generierten Daten automatisch auf öffentliche Labor-Blogs zu übertragen und somit wertvolle Rohdaten für andere Wissenschaftler zugänglich zu machen. Einige mit uns befreundete Mediziner und Chemiker sind unter den ersten Google Wave-Hackern. Auch die Open Access-Bewegung, die von Physikern mit arXiv angeführt wurde, hat durch die Public Library of Science (PLoS)-Journals extrem an Qualität gewonnen.
Mendeley versucht ebenfalls, einen Beitrag zu besserer Vernetzung von Daten zu leisten: Wir möchten es einfacher machen, Literatur zu verwalten und auszutauschen, und durch Tagging, semantische Analyse und Forschungstrend-Charts Zusammenhänge zwischen Artikeln und Wissenschaftsdisziplinen zu verdeutlichen. Aus dieser Datenvernetzung kristallisieren sich dann auch Verbindungen zwischen Wissenschaftlern heraus, die an ähnlichen Themen arbeiten.
Google versucht ja mit Google Books Bücher einfacher über das Internet verfügbar zu machen. Wie stehst du zu diesem Ansatz und glaubst du, dass es da Berührungspunkte mit eurem Konzept gibt?
Grundsätzlich finde ich das super - ich habe schon häufiger Dinge in Google Books gefunden, auf die ich sonst keinen einfachen Zugriff gehabt hätte. Interessanterweise gab es aber einige Spannungen zwischen Google und den US-Universitätsbibliotheken, die ihre Bücher zum Scannen bereitgestellt haben. Die Bibliothekare fühlten sich bei Kommunikation und Datenzugriff aussen vor gelassen, nachdem Google ihre Bücher digitalisiert hatte und die Bibliotheken danach nicht mehr brauchte.
Berührungspunkte zu Mendeley gibt es durchaus - aber vielleicht eher im E-Book-Sektor. Wir konzentrieren uns vor allem auf wissenschaftliche Journals und weniger auf Fachbücher, aber viel Content wird in den nächsten Jahren über Amazons Kindle, Sonys E-Reader, den Plastic Logic-Reader etc. verfügbar sein, was die Vertriebsstrukturen im Academic Publishing-Sektor verändern wirbeln wird. Wir wurden schon häufiger von Verlagen angesprochen, ob sie ihren Content nicht über Mendeley verkaufen können - die Vorteile wären ein direkter Zugang zum Workflow des Wissenschaftlers, adaptives Pricing und niedrigere Kauf-Barrieren durch weniger Drop-Off-Points - und daran arbeiten wird. Ebenso haben einige unserer Nutzer uns gebeten, doch mit E-Reader-Herstellern zu kooperieren, damit sie ihre Mendeley-Artikelsammlung auch auf ihrem Reader verwalten können.
Was sind für dich die momentan spannendsten Entwicklungen im Internet?Was fehlt dir noch?
Ui, schwierig. Wie sich das Web weiter auf das iPhone und andere mobile Geräte anpassen wird, finde ich spannend - kein anderes Gerät hat mein Web-Nutzerverhalten so stark beeinflusst wie das iPhone. Und wenn ich Google Wave, HTML5, Google Gears und Adobe Air sehe, verschwimmen die Grenzen zwischen verschiedenen Webseiten, Datenbanken, Desktop- und Web-Apps, On- und Offline immer weiter - wir sind ja auch mit einer Cross-Platform-Desktop-Software und einer Website unterwegs, werden unsere Forschungstrend-Daten über eine API bereitstellen, und Mendeley-Literatursammlungen lassen sich jetzt schon auf anderen Seiten einbetten. Das finde ich faszinierend und nervenaufreibend zugleich:
Wir stecken auch mittendrin im Strudel und müssen durchpaddeln. Was mir noch fehlt: Neulich hatte ich aber die Idee für einen Kochlöffel mit integrierter elektronischer Zunge und gespeicherten Rezepten, der mir sagt, welche Zutat ich jetzt noch hinzufügen muss. Meine Freundin hat mich aber ausgelacht.
Vielen Dank für das Interview und viel Glück mit Mendeley weiterhin!
